CREATIVITY WORKS - Rüdiger Heim - Arbeitswelten Fotografie

Rüdiger Heim - Arbeitswelten Fotografie
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Creativity Works
Freies Fotografieren ist für mich eine Möglichkeit, neue fotografische Konzepte, meinen Stil und meine Ausdrucksfähigkeit weiter zu entwickeln. Freies Fotografieren bedeutet aber auch, Themen zu bearbeiten, für die es keine Aufträge oder Honorare gibt, die mir aber wichtig sind.
Creativity Works ist der Teil meiner Website, die einen anderen Blick auf die Arbeitswelten präsentiert.

Während der Corona-Pandemie arbeiten viele Menschen im Home Office. Diese Menchen haben sich mittlerweile daran gewöhnt, ihr Arbeitsleben in die eigenen vier Wände zu integrieren. Gemeinsam mit Partnern und Kindern bietet das Reize, über die an vielen Stellen erzählt wurde. Über jene Menschen, die während der Pandemie an ihrem Arbeitsplatz blieben, gibt es viel weniger Geschichten. Dies ist eine davon.

Not working in home office
- 3 Texte mit jeweils 3 Bildern (bei Klick wird das vergrößerte Bild in einer ShowBox angezeigt) -
Corona diaries - Rüdiger Heim
Rüdiger Heim: Not working in home office | Teil 1 - Bilder 1 bis 3

Corona und Covid sind die Namen von Zwillingen, die Ende März im indischen Raipur, etwa 800 Kilometer westlich von Kalkutta, zur Welt kamen. Corona ist das Mädchen; der Junge hört auf den Namen Covid. Zum Zeitpunkt ihrer Geburt sind die Beiden bereits weltbekannt - das ist mißverständlich. Richtig muss es heißen: Zum Zeitpunkt der Geburt der Zwillinge sind diese beiden Namen in aller Munde. Covid heißt ‚Corona Virus Disease‘ und hat den Namenszusatz 19 nach dem Jahr erhalten, in dem die Krankheit erstmals ausbrach. Das scheint eine kleine Ewigkeit her zu sein; gefühlt so lange wie die Mondlandung von Neil Armstrong.

Aber Apollo 11 hielt die Welt bereits fünfzig Jahre vor Covid-19 in Atem. Beide, Neil Armstrong und das Corona Virus, haben die Welt und unser Leben verändert. Während wir das bei Armstrong’s großem Schritt für die Menschheit unmittelbar so empfanden, schlich sich das Virus über eine lange Zeit fast unbemerkt in unser Leben. Dort ist es längst angekommen - enttarnt, aber noch nicht entschlüsselt. Ein Virus, mit dem wir zu leben lernen müssen, das uns aus dem Alltag drängt und hinein in einen neuen Tagesablauf mit ‚home office‘ und ‚home schooling‘. Nur die Nächte sind noch Alltag; Die wachen Stunden ziehen und zerren an uns mit Verabredungen zu virtuellen Meetings, Telefonkonferenzen und Allerlei aus dem Internet.

Die Ostersonne ist auf der falschen Seite des Fensters, das seit langer Zeit gebuchte Reiseziel in unerreichbarer Ferne. Wir sind soziale Wesen und Hüter der Distanz. Sololebenwollen verändert sich zu Vereinzelung. Internet und Telekommunikation verschmelzen gleichgewichtig ‚work‘ und ‚life‘ und die Webcam liefert ungeschminkte Bilderfluten aus nie geahnten Wohnzimmern.
Rüdiger Heim: Not working in home office | Teil 2 - Bilder 4 bis 6

Ich fliehe täglich aus dieser engen Umgrenzung in mein Büro. Auf dem Weg dorthin bin ich unbegleitet - wo sonst Myriaden Motorisierter sich Raum und Luft zum Atmen nehmen. Die Stadt liegt pastellig in einem frühen Sonnenschein; ihre Stille ist eigentlich Leisigkeit und das ist ein so fremdes Wort wie die ganze Szene hinter der Autoscheibe seltsam ist. Rumpelnd öffnet sich das Tor der Tiefgarage und gibt die Einfahrt frei, hinter der sonst bereits die Autos lauern und meine Scheinwerfer reflektieren. Jetzt bleibt alles dunkel und zwischen den baumstämmigen Säulen steht kein einziges Fahrzeug. Auch der Aufzug rumpelt - vielleicht weil ich darin allein stehe und die Motoren für die geringe Last viel zu stark sind.

Im Gebäude empfangen mich Stille, Leere, weißes Licht und ein Geruch nach desinfektiösem, hochgebranntem Trinkalkohol. Der Flur wirkt um viele Schritte länger als üblich und führt mich an der Teeküche vorbei zu meinem Büro, das direkt hinter einer gläsernen Brandschutztür liegt. Diese Tür ist so offen wie alle anderen auch; es gibt keine Geheimnisse oder im vertraulichen Gespräch gesenkte Stimmen, die verschlossene Türen nötig machen. Schritte und Gelächter, buchstabierende Telefonstimmen und trommelnde Kopierer gibt es nur noch in meinen Erinnerungen. Stattdessen machen Stille, Leere und weißes Licht meinen Kopf schwer, kaum dass ich das Gebäude betrete.

Der Vormittag zerfließt zu Trägheit, der Nachmittag zu Müdigkeit. Vielleicht ist auch anders herum, es ist ja nur ein Gefühl, das sich aus dem entwickelt, was eben nicht passiert. Ich stehe wieder im Flur und rede mit mir selbst, damit die Stille nicht die Fensterscheiben zum Bersten bringt.
Rüdiger Heim: Not working in home office | Teil 3 - Bilder 7 bis 9

Im Gebäude sind auch Kollegen, aber die sind auf einem anderen Stockwerk. Wir schreiben uns Mails und telefonieren miteinander. Wir gehen uns aus dem Weg und tragen trotzdem Masken. Mit der Maske vor dem Gesicht ist meine Brille immer atemluftgetrübt und die Maskengummis produzieren Segelfliegerohren, wie sie sonst nur mein Cousin hat.

Ich arbeite an einem Patent, das den Maskenstoff direkt mit meinem Dreitagebart verbindet wie bei einem Klettverschluss. In meinen Tests funktioniert es nie und ich verstehe nicht, ob es am Stoff oder an den Barthaaren liegt. Meine Konzentration erschöpft sich im andauernden Mißerfolg und ich werde ärgerlich. Ein Stift fliegt ungehört zu Boden, rollt sich zur Tür und bleibt im Flur schließlich liegen. Wieder stehe ich dort und schaue aus dem Fenster in einen Innenhof, der auch sonst nie betreten wird. Jetzt er grau und schrundig wie der Krater eines verloschenen Vulkans. Auch die Kantine ist seit langer Zeit geschlossen und im Mahlwerk der Kaffeemaschine schimmeln ein paar krümelige Bohnen. Ich sitze an einer leeren Tischreihe und schließe die Augen, um mir die schwatzenden Mäuler vorzustellen, die sonst alles über Kinder, Fußball und die Abteilungsleitung wissen. So sitze ich lange Zeit bis ich von der Erinnerung an Gerüche und Geräusche satt bin und in mein Büro zurückkehre.
Das Patent fliegt zusammengeknüllt in den Papierkorb und ich sitze vor der Webseite eines Weinversandhandels: Präsidenten und Idioten mögen Desinfektionsmittel trinken, für mich habe ich einen schönen Primitivo ausgesucht. Ich finde in dem Formular keinen Button, der meine Bestellung ausführt. Mein Warenkorb ist prächtig gefüllt, aber die Kasse will mein Geld nicht. Ich nehme das als persönliche Niederlage, denn den Warenkorb muss ich im Shop zurücklassen: Ich kann hier nicht einmal einen Ladendiebstahl begehen.
Nichts ist mehr wie es war, als Armstrong und Aldrin die Oberfläche des Mondes betraten. An diese Zeit kann ich mich noch gut erinnern - jetzt ist alles nur Stille, Leere und weißes Licht.
Text und Bilder: Rüdiger Heim | Mai 2020
Webmaster | Oktober 2020 | alle Rechte vorbehalten - Arbeitswelten Fotografie
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